Interview mit Martin Stranzl
Für ÖFB-Teamspieler Martin Stranzl hat das bisher wohl wichtigste Jahr seiner Karriere begonnen. Der Spartak Moskau-Abwehrchef steht mit den Russen noch im UEFA-Cup, dann folgt die Heim-Europameisterschaft.
transfermarkt.de: Vor kurzem hat das Jahr 2008 begonnen, es wird für dich wohl ein Karriere-Höhepunkt. Was erhoffst du dir von den kommenden Monaten?
Martin Stranzl: Mit Spartak sind wir noch im UEFA-Cup vertreten, wir wollen weiter kommen als im letzten Jahr. Das ist einmal das erste Ziel. Dann gilt es natürlich, einen guten Saisonstart hinzulegen und sich gut auf die EURO vorzubereiten.
transfermarkt.de: Die Gruppenauslosung hat euch Polen, Kroatien und Deutschland beschert. Zufrieden mit diesen Gegnern?
Martin Stranzl: Auf alle Fälle. Bei einer Europameisterschaft gibt es keine leichten Gegner, daher müssen wir sowieso mit jedem Gegner zufrieden sein. Aber mit Deutschland haben wir einen sehr attraktiven Gegner und Kroatien ist für mich ein Geheimfavorit. Es ist sehr gut, dass wir gleich im ersten Spiel auf sie treffen. Da kann uns noch keiner richtig einschätzen, und vielleicht tun sie sich ja auch noch schwer. Gegen Polen haben wir bereits in der WM-Qualifikation gespielt und zwei Mal verloren. Da haben wir eine Rechnung zu begleichen. Insgesamt sicher eine gute Gruppe.
transfermarkt.de: Du wirst nach außen hin immer als Leithammel des Nationalteams dargestellt. Würdest du dir wünschen, auch Kapitän zu sein oder ist es für dich auch so kein Problem, Verantwortung zu übernehmen?
Martin Stranzl: Ich war schon unter Baric und dann unter Krankl dabei und habe Verantwortung übernommen. Natürlich hätte ich mich gefreut, hätte mir der Trainer damals die Schleife gegeben, aber es war eben nicht so. Ich versuche auch ohne Kapitänsbinde, meine Kollegen auf und neben dem Feld zu unterstützen.
transfermarkt.de: Andi Ivanschitz wird häufig kritisiert, der falsche Kapitän zu sein. Er sei zu introvertiert. Was sagst du zu diesen Vorwürfen?
Martin Stranzl: Kritik ist für jeden Spieler wichtig, auch wenn sie nicht positiv ist. Wenn ich kritisiert werde, stehe ich im Fokus. Es wäre fast ein schlechtes Signal, würde Andi nicht kritisiert werden. Er hat seit seinem Wechsel ins Ausland große Fortschritte gemacht und wichtige Erfahrungen gesammelt. Er weiß, wie er mit der Kritik umgehen muss und kann dadurch noch mehr lernen.
transfermarkt.de: Die Ergebnisse ließen in den letzten zwei Jahren extrem zu wünschen übrig, trotzdem wurde regelmäßig von einer Steigerung gesprochen. Wo steht das ÖFB-Team kurz vor der EURO im internationalen Vergleich?
Martin Stranzl: Wenn man sich den österreichischen Fußball ansieht, stehen wir ziemlich weit hinten. Die Austria war die einzige Mannschaft in der UEFA-Cup-Gruppenphase und hat gerade mal einen Punkt geholt. Das war ja auch in den letzten Jahren so. Mit Red Bull Salzburg hat man einen Verein in der Liga, bei dem sehr viel investiert wurde, und jetzt hat man zwei Mal die Champions League-Quali nicht geschafft, auch für die UEFA-Cup-Gruppenphase hat es in beiden Jahren nicht gereicht. Das spricht eine klare Sprache. Dann darf man auch keine Wunder vom Team erwarten, es wurde ein Umbruch vollzogen. Junge Spieler haben die Chance bekommen, sich international zu beweisen. Vielleicht schaffen es so ja wieder einige ins Ausland. Diese Phase ist dann natürlich nicht so einfach, wir mussten den Mittelweg zwischen Erfolg und Umbruch finden. Die Ergebnisse haben sicher nicht so gepasst, aber wir haben auch einige gute Spiele gemacht. Es ist wichtig, von Spiel zu Spiel zuzulegen und dann topfit bei der Europameisterschaft zu sein um für Furore sorgen zu können. Aber wo wir jetzt genau stehen, ist schwer zu sagen. Es heißt zwar immer, dass man die Tests wie Qualifikationsspiele angehen will, aber Freundschaftsspiele bleiben Freundschaftsspiele.
transfermarkt.de: Die Leistungen in der Defensive konnten stabilisiert werden, aber vorne herrscht Flaute. Trotzdem ließ man zuletzt mit Linz einen Mann zuhause, der in Portugal und im UEFA-Cup regelmäßig trifft. Wie ist dies zu erklären?
Martin Stranzl: Man muss sich auch die Fakten bei der Nationalmannschaft ansehen, die sehen anders aus. Auch das taktische Konzept ist anders als bei seinem Verein in Portugal. Bei uns müssen die Stürmer mit nach hinten arbeiten und Aufgaben übernehmen. Er muss sich in den Dienst der Mannschaft stellen, daher wurde die Entscheidung zuletzt so getroffen. Aber ich kenne den Roli schon sehr lange, erst ist ein sehr guter Stürmer und trifft zurzeit regelmäßig. Er wird sicher wieder ins Team kommen, da gibt es auch persönlich keine Schwierigkeiten.
transfermarkt.de: Müsste man sein System nicht auf einen solchen Topstürmer ausrichten?
Martin Stranzl: Wir sind keine Nation, die ihr Spiel ganz locker auf einen Spieler ausrichten kann. Das geht leider nicht so einfach (lacht).
transfermarkt.de: Mit Emanuel Pogatetz kehrt im Frühjahr ein Teamrebell zurück. Wie ist deine Meinung dazu?
Martin Stranzl: Es muss jetzt ein Signal von ihm kommen, er wird sich wohl vor der Mannschaft äußern und einiges klarstellen müssen. Dann gilt es ganz einfach, Leistung zu zeigen. Am Platz müssen alle elf Spieler voll zusammenhalten, das ist entscheidend. Wenn er wieder das erste Mal dabei ist, gilt es aber wie gesagt auch, Dinge klarzustellen.
transfermarkt.de: Mit Paul Scharner steht ein weiterer Schlüsselspieler eines britischen Klubs nur auf dem Abstellgleis. Kann sich das eine österreichische Nationalmannschaft überhaupt leisten?
Martin Stranzl: Paul hat gesagt, dass er nicht mehr für die Nationalmannschaft spielen will und damit hat sich die Sache eigentlich erledigt. Er kann nicht kurz vor der EURO sagen, dass er doch wieder spielen will, wenn er in der harten Phase nicht dabei sein wollte. Das geht einfach nicht.
transfermarkt.de: Scharner warf dem ÖFB mangelnde Professionalität vor. Deine Meinung?
Martin Stranzl: Das muss er genauer sagen. Einfach irgendetwas in den Raum zu stellen, hilft ja auch keinem weiter. Er müsste das schon konkretisieren, so verstehe ich diese Aussagen nicht.
transfermarkt.de: Mit Pogatetz und Feldhofer kehren zwei Innenverteidiger zurück, die lange verletzt waren. Zudem bieten sich mit Prödl und Schiemer zwei Talente an. Du könntest ins defensive Mittelfeld rücken. Ein Problem für dich?
Martin Stranzl: Es wäre sicher keine große Schwierigkeit. Ein gewisser Stamm hat sich gefunden, wir haben nicht mehr viele Spiele. Der Trainer muss wissen, ob diese Umstellung positiv für das Team wäre oder ob wir so besser sind. Für mich persönlich wäre die Umstellung jetzt nicht wirklich groß, ich habe schon öfters auf dieser Position gespielt.
transfermarkt.de: Jetzt kommt es im Februar zum freundschaftlichen Duell mit Gruppengegner Deutschland. Ein optimaler Zeitpunkt?
Martin Stranzl: Zwischen Österreich und Deutschland herrscht immer eine gewisse Rivalität, es wird sicher eine interessante Partie. Es wird sich sicher keiner schonen. Wir werden in einem vollen Stadion spielen, es ist ein Prestigeduell. Da geht es ums Eingemachte, dann sehen wir auch, wo wir stehen. Es ist natürlich keine einfache Situation, weil viele noch nicht im Spielrhythmus sind, in Österreich und auch bei mir in Russland hat die Saison noch nicht begonnen. Aber es ist wichtig, dass der Stamm wieder spielt und die Mannschaft zusammenkommt. Wir müssen wieder einen Schritt nach vorne machen.
transfermarkt.de: Themenwechsel: Du lebst seit einiger Zeit in Russland. Wie unterscheidet sich für dich und deine Familie der Alltag von Mitteleuropa?
Martin Stranzl: Gar nicht (lacht). Ich bin immer etwas länger unterwegs, aber große Unterschiede sind nicht zu sehen.
transfermarkt.de: Wo steht die russische Liga im internationalen Vergleich?
Martin Stranzl: ZSKA ist leider aus der Champions League ausgeschieden, wir haben gehofft, dass sie zumindest im UEFA-Cup noch einige Punkte für die Fünfjahreswertung sammeln können, aber auch dort sind sie nicht mit dabei. Wir und Zenit sind noch im UEFA-Cup dabei, Lok ist leider draußen. Aber man sieht, dass sich die Liga sehr gut entwickelt und es wechseln immer stärkere Spieler in die Liga. Wenn die Infrastruktur dann auch noch besser wird, kann die Liga in die europäische Spitze aufsteigen.
transfermarkt.de: Ihr habt in der Liga immer extrem lange Anreisewege zu bewältigen. Wie lange hat es gedauert, sich darauf hundertprozentig einzustellen?
Martin Stranzl: Die Flüge waren nicht das Problem, sondern die Spielweise. Zuerst hatte ich lettische Trainer, dann mit Fedotow einen Russen. Da war es einfach so, dass das Mittelfeld auch komplett mit nach vorne gegangen ist, die Viererkette war hinten oft allein. Da ist es ständig rauf und runter gegangen, es wurde nicht wirklich auf die Taktik geachtet. Das war eine große Umstellung. Mit Tschertschessow haben wir jetzt einen Trainer, der schon im Ausland aktiv war und mehr auf diese Bereiche achtet. St. Petersburg hat mit einem ausländischen Trainer die Meisterschaft gewonnen, die Spielweise ist eine ganz andere. Die Anreisewege sind nicht so schlimm. Einmal fliegst du neun Stunden nach Wladiwostok, aber sonst sind wir maximal zweieinhalb Stunden mit dem Flieger unterwegs. Außerdem gibt es in Moskau sieben Vereine, das Reisen bleibt also im Rahmen.
transfermarkt.de: Mit Stanislaw Tschertschessow hast du einen Trainer, der lange in Österreich und Deutschland aktiv war. Hilft dir das?
Martin Stranzl: Das ist egal. Mannschaftsbesprechungen sind auf Russisch. Es ist mir wichtig, dass wir eine taktische Ordnung haben, die Qualität zählt. Dass er auch Deutsch spricht, ist eine positive Nebensache. Wichtige persönliche Dinge und private Sachen kann ich dann in der Muttersprache klären, das ist natürlich schon angenehm.
transfermarkt.de: Du wirst am Tag des EURO-Spieles gegen Deutschland 28 Jahre alt. Welche Ziele verfolgst du in deiner weiteren Karriere? Wie lange bleibst du in noch Moskau?
Martin Stranzl: Ich werde mit Spartak sprechen, sie wollen mit mir verlängern. Das ist natürlich eine schöne Bestätigung meiner Arbeit. Ich habe aber sowieso noch ein Jahr plus Option Vertrag, auch die EURO steht bevor. Veränderung ist derzeit keine geplant.
transfermarkt.de: Würde es dich nicht reizen, in eine ganz große Liga zu wechseln?
Martin Stranzl: Ich habe immer gesagt, dass mich England reizen würde. Aber dann möchte ich schon zu einem Verein wechseln, mit dem ich oben mitspielen kann und nicht gegen den Abstieg kämpfen muss. Sollte ich wechseln, will ich zu einem Großklub. Mit Spartak spiele ich in Russland auch jedes Jahr um den Titel und bin international vertreten.
transfermarkt.de: Du hattest in deiner Karriere bereits mit sehr vielen Verletzungen zu kämpfen. Wie erklärst du das?
Martin Stranzl: Das war in den ersten Jahren meiner Karriere, vor allem bei 60. Da war ich teilweise einfach jung und naiv, ich konnte meinen Körper noch nicht richtig einschätzen. Ich hatte immer wieder unglückliche Verletzungen, da war einfach sehr viel Pech dabei. Aber in den letzten Jahren hatte ich eigentlich keine großen Probleme mehr.
transfermarkt.de: Deine Auslandskarriere ist wohl ein Vorbild für viele junge Österreicher. Du gingst mit 16 Jahren vom kleinen SV Güssing zu 1860 München. Wieso hast du diesen frühen Schritt gewagt?
Martin Stranzl: Mit den Juniorenmannschaften haben wir gegen die großen Nationen wie Deutschland oder Frankreich immer sehr hoch verloren. Ich wollte wissen, ob bei uns einfach das Training nicht auf diesem Niveau ist. So war es dann auch. Dann hatte ich bei 60 auch sehr viel Glück, weil viele Spieler verletzt und außer Form waren. Dann hat Werner Lorant mir die Chance gegeben und ich konnte sie nützen. Dann bin ich einfach weiter dran geblieben.
transfermarkt.de: Wie wurde 1860 damals überhaupt auf dich aufmerksam?
Martin Stranzl: Ein Schullehrer hatte Kontakt zu 1860, daraufhin beobachteten sie mich bei einem Qualifikationsturnier. Dann haben sie mich zu einem Probetraining nach München eingeladen und mir anschließend ein Angebot vorgelegt. Ich hab noch das Semester in der Schule fertig gemacht und bin daraufhin nach Deutschland gegangen.
transfermarkt.de: Dein Ex-Klub Stuttgart wurde in der vergangenen Saison überraschend Meister. Pflegst du noch Freundschaften zu ehemaligen Kollegen aus Deutschland?
Martin Stranzl: Ich war sehr lange in München, da habe ich schon noch viele Freunde. In Stuttgart gibt es eigentlich keinen mehr, mit dem ich Kontakt habe. Dort war ich auch nicht so lange, richtige Freundschaften bauen sich auch erst über Jahre auf. Im Burgenland habe ich noch viele Beziehungen, mit denen ich früher zusammen gespielt habe.
transfermarkt.de: Wieso hast du Stuttgart damals verlassen?
Martin Stranzl: Ich hatte in der Vorsaison sehr gut gespielt, dann kam ein neuer Trainer, der meinte, dass ich auf der Position des rechten Verteidigers besser aufgehoben sei. Nach der Winterpause war es dann so, dass ich ohne einen triftigen Grund nur noch auf der Bank saß. Da machte ich mir natürlich meine Gedanken. Dann kam der Kontakt mit Spartak zustande. Innerhalb Deutschlands wollte ich nicht wechseln, deswegen bin ich dann nach Moskau gegangen.
transfermarkt.de: Derzeit spielen viele Talente in der heimischen Liga groß auf. Was rätst du ihnen?
Martin Stranzl: Wenn du mit 21, 22 Jahren noch in der österreichischen Liga spielst, ist es schon fast zu spät. Wieviele der erfolgreichen U20-WM-Mannschaft spielen jetzt regelmäßig? Das ist fast schwindend gering. Ich kann nur die Nationalspieler beurteilen. Eigentlich hat nur der Basti (Sebastian Prödl, Anm.) eine gute Entwicklung gemacht, auch wenn er Verletzungspech hatte. Jetzt muss er in der Vorbereitung hart arbeiten. Veli (Kavlak, Anm.) hat einen Durchhänger gehabt, und der Juno (Zlatko Junuzovic, Anm.) ist in Kärnten auch wieder stecken geblieben. Ich bin mit 16 von zuhause weg gegangen und hab schon die Ausbildung in einem anderen Land gemacht. Daher würde ich fast jedem raten, so schnell wie möglich aus Österreich weg zu gehen. Es wird zwar oft in den einzelnen Vereinen investiert, aber nicht in die Qualität der Liga, das ist seit Jahren ein Problem. Viele Spieler werden in der Liga dann zu wenig gefordert.
transfermarkt.de: Wem traust du es wirklich zu, demnächst in einer Topliga zu spielen?
Martin Stranzl: Ich kann nur die Spiele im Nationalteam und im internationalen Bewerb beurteilen, das ist für manche sichtlich eine Riesenumstellung. Der Basti und auch Fränky Schiemer haben ganz sicher das Potenzial fürs Ausland. In die jüngeren Jahrgänge habe ich beinahe keinen Einblick, Baumgartlinger soll bei 1860 eine tolle Entwicklung gemacht haben. Martin Harnik muss bei Bremen auch schauen, dass er mehr spielt. Ich bin schon so lange weg aus Österreich, dass ich gar nichts Genaueres sagen kann.
transfermarkt.de: Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!
Das Gespräch führte Martin Erian.
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- Geb./Alter:
- 16.06.1980 (46)
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